Zensur im Bolschoi: Warum Russlands Politik Nurejews Ballett verbot
Sebastian VoigtZensur im Bolschoi: Warum Russlands Politik Nurejews Ballett verbot
Das Moskauer Bolschoi-Theater nahm das Ballett Nurejew 2023 auf Druck der Politik aus seinem Spielplan. Die Produktion, die das Leben des schwulen Tänzers Rudolf Nurejew und seinen Tod an Aids thematisiert, kollidierte mit Russlands strengen Anti-LGBTQ+-Gesetzen. Die Behörden stuften die Inhalte als zu brisant ein – vor dem Hintergrund einer generellen Einschränkung künstlerischer Freiheiten.
Ursprünglich war das Ballett 1995 in Berlin uraufgeführt worden, inszeniert vom Choreografen Juri Possochow und dem Regisseur Kirill Serebrennikow. Seine mutige Darstellung von Nurejews Widerstand und persönlichen Kämpfen machte es fast drei Jahrzehnte später zum Ziel von Zensurmaßnahmen.
Die Handlung beginnt mit einer Auktion, bei der Nurejews persönliche Habseligkeiten versteigert werden: männliche Akte alter Meister, Thonet-Stühle, Sofas von Maria Callas und mit Goldfäden bestickte Kostüme. Die Monologe des Auktionators führen das Publikum durch sein Leben – von den frühen Jahren bis zu seinen letzten Tagen. Der erste Akt schildert seine Selbstfindung, den Abschluss der Ballettschule und erste Auftritte, während Geheimpolizei-Akten ihn als aufrührerisch brandmarken.
Ein Wendepunkt ist Nurejews Flucht nach Frankreich nach einem Gastspiel. Er weigert sich, den Rückflug anzutreten, und setzt sich ab – auf der Suche nach künstlerischer und persönlicher Freiheit. Der zweite Akt vermag jedoch nicht ganz an die emotionale Wucht des Beginns anzuknüpfen. Einige plump gesetzte Witze stören den Fluss und erreichen nicht die Brillanz der Eröffnungsszenen.
Den Abschluss bildet Nurejews Tod, inszeniert als Dirigat der letzten Takte seines Lebens. Die legendären Schatten aus La Bayadère erscheinen, bevor das Licht in Schwarz übergeht. Trotz seiner künstlerischen Qualität wurde die Produktion 2023 in Russland verboten – mit der Begründung, sie verstoße gegen das Gesetz zur "Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen".
Die Streichung von Nurejew aus dem Bolschoi-Programm spiegelt die verschärfte staatliche Kontrolle über kulturelle Inhalte in Russland wider. Die Darstellung von LGBTQ+-Themen und Nurejews Widerstand passten nicht in das aktuelle politische Klima. Choreograf Juri Possochow arbeitet unterdessen weiterhin in Russland – trotz internationaler Kritik an der Vorgehensweise des Landes.






