Schweizer Neutralität: Parlament ringt um Verfassungsartikel nach Ukraine-Krieg
Charlotte RichterSchweizer Neutralität: Parlament ringt um Verfassungsartikel nach Ukraine-Krieg
Schweizer Parlamentarier bleiben uneins darüber, ob ein neuer Artikel zur Neutralität in die Bundesverfassung aufgenommen werden soll. Die Debatte gewinnt an Fahrt, seitdem die öffentliche Unterstützung für eine verfassungsmäßige Verankerung der Neutralität seit Russlands Angriff auf die Ukraine 2022 zugenommen hat. Uneinigkeit zwischen dem Ständerat und dem Nationalrat hat eine endgültige Entscheidung verzögert.
Die von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) unterstützte Volksinitiative fordert eine dauerhafte bewaffnete Neutralität sowie ein weitreichendes Verbot von Sanktionen – mit Ausnahme solcher, die von den Vereinten Nationen beschlossen werden. Beide Kammern hatten zunächst beschlossen, den Vorschlag rundweg abzulehnen, doch die SVP drängte auf eine erneute Prüfung der Haltung des Ständerats.
Der Ständerat stimmte knapp für einen direkten Gegenentwurf zur Neutralitätsinitiative. Die Entscheidung erforderte eine Stichentscheidung durch Ständeratspräsident Stefan Engler. Eine knappe Mehrheit der Außenpolitischen Kommission hatte zuvor eine Angleichung an die Position des Nationalrats unterstützt, der Verfassungsänderungen ablehnt.
Sowohl der Nationalrat als auch der Bundesrat lehnen die Idee ab, die Neutralität in der Verfassung festzuschreiben. Außenminister Ignazio Cassis warnte, ein Gegenentwurf könnte die Wähler verwirren und den Widerstand gegen die Initiative schwächen. Unterdessen argumentierte SVP-Mitglied Hannes Germann, angesichts der aktuellen globalen Krisen sei es unerlässlich, die Neutralität klar zu definieren.
Daniel Jositsch von der SP/ZH kritisierte die Haltung der Kommission und behauptete, sie bedeute im Grunde: "Wir wollen neutral sein – außer im Kriegsfall." Die öffentliche Meinung hat sich in den letzten Jahren gewandelt, immer mehr Schweizer unterstützen nun eine verfassungsmäßige Neutralität. Politische Diskussionen, unter anderem geführt von Persönlichkeiten wie Philipp Gut, thematisieren die Sorge, dass die Schweizer Neutralität unter internationalem Druck geschwächt worden sei.
Die Initiative wird nun einer Volks- und Ständemehrabstimmung unterzogen – entweder mit oder ohne Gegenentwurf, je nach endgültiger Entscheidung des Nationalrats. Die Debatte wird voraussichtlich bis mindestens 2026 die schweizerische Politik prägen.
Die Neutralitätsinitiative steuert nun auf eine nationale Abstimmung zu, während die Parlamentarier weiterhin uneins sind, wie es weitergehen soll. Bei einer Annahme würde sie die dauerhafte bewaffnete Neutralität und strenge Grenzen für Sanktionen in der Verfassung verankern. Das Ergebnis hängt davon ab, ob der Nationalrat einen Gegenentwurf annimmt oder an seiner Ablehnung festhält.