Wie Russlands Schulen von der Freiheit zur staatlichen Ideologie wechselten
Julian HartmannWie Russlands Schulen von der Freiheit zur staatlichen Ideologie wechselten
Der Autor erinnert sich an eine Schule im Russland der frühen 2000er-Jahre: unterfinanziert und chaotisch. Es mangelte an allem – an Englischlehrkräften, Computern und Beamern. Doch trotz der kargen Ausstattung herrschte in Fächern wie Literatur und Geschichte eine Atmosphäre, die offene Diskussionen und kritisches Denken förderte.
Damals gab es keinen Sexualkundeunterricht, aber auch keine strengen staatlichen Vorgaben für das persönliche Verhalten. Tägliche Fahnenappelle oder die zwangsweise Vermittlung staatlicher Ideologie fanden nicht statt. Die Schule war kein Ort, an dem Feindseligkeit gegenüber der Außenwelt geschürt wurde.
Mittlerweile ist das Schulgebäude renoviert. Es verfügt nun über ein Schwimmbad, ein Stadion und moderne Einrichtungen. Doch das akademische Umfeld hat sich grundlegend gewandelt. Seit 2022 führt der russische Staat neue Lehrbücher ein sowie ein Fach namens „Grundlagen des Familienlebens“, das in Abstimmung mit der orthodoxen Kirche entwickelt wurde. Die Schule veranstaltet nun Programme wie „Gespräche über das Wesentliche“, in denen Patriotismus und staatlich definierte „traditionelle geistig-moralische Werte“ vermittelt werden.
Die baulichen Verbesserungen sind offensichtlich. Doch Lehrplan und Schulkultur haben sich hin zu staatlich vorgegebenen Idealen verändert. Die Freiheit, die der Autor einst in diesen Klassenzimmern erlebte, gibt es dort nicht mehr.






