Nullerjahre: Als Mode mutig war und Debatten noch ohne Shitstorm auskamen
Finn WolfNullerjahre: Als Mode mutig war und Debatten noch ohne Shitstorm auskamen
Die frühen 2000er-Jahre, oft als die Nullerjahre bezeichnet, gelten heute als eine Ära mutiger Mode und noch mutigerer Debatten. Viele blicken nostalgisch auf die respektlose Kultur jener Zeit zurück, in der offene Diskussionen über Atheismus und schlagzeilenträchtige Boulevard-Schlagabtausche an der Tagesordnung waren. Doch heute erleben einige dieser Themen – und sogar Stile – ein Comeback, wenn auch in einem weitaus polarisierteren Klima.
2006 fingen Filme wie Der Teufel trägt Prada den scharfen Witz und die furchtlose Haltung der Nullerjahre ein. Die Schauspielerin Emily Blunt gestand kürzlich, dass ihr die Energie dieser Zeit fehle – eine Ära, in der Magazine wie Heat Promi-Cellulite sezieren oder über aufdringliches Flirten scherzen konnten, ohne sofortigen Shitstorm zu fürchten. Eine Autorin, die sich kürzlich mit dem Jahrzehnt auseinandersetzte, erinnerte sich daran, wie sie das Handy eines hartnäckigen Verehrers aus ihrem Studentenzimmerfenster warf – eine zwar extreme, damals aber mit Gelächter statt Empörung quittierte Aktion.
Debatten waren damals oft roh, aber offen. Öffentliche Persönlichkeiten wie Richard Dawkins konnten Religion kritisieren, ohne flächendeckend geächtet zu werden. Heute führen ähnliche Positionen zu Islam oder anderen umstrittenen Themen häufig zu sofortiger Verurteilung. Die jüngeren Halbgeschwister der Autorin, die in einem von linksliberaler Politik geprägten Universitätsumfeld aufwuchsen, beschreiben ein Klima, in dem Nuancen selten sind und Diskussionen über Feminismus, Corona-Impfstoffe oder geschlechtliche Identität schnell in Feindseligkeit umschlagen.
Auch die Mode erlebt ein Revival. Forscher der Northwestern University fanden heraus, dass Frauentrends etwa alle 20 Jahre wiederkehren. Tief sitzende Schlaghosen, klobige Gürtel und Bodycon-Kleider – einst Markenzeichen der Nullerjahre – füllen heute wieder die Regale. Doch während die Stile zurückkehren, hat sich das gesellschaftliche Umfeld gewandelt. Die Feindseligkeit ist heute oft weniger offen, dafür umso allgegenwärtiger – befeuert von digitalen Echokammern und massenhafter Hysterie an beiden Enden des politischen Spektrums.
Die Nullerjahre standen für eine Kultur, die sich in Mode wie Debatte freier anfühlte. Nun, da einige Trends wiederaufleben, haben sich die Spielregeln geändert. Was einst verspielt oder provokant war, stößt heute häufig auf Misstrauen – oder Schweigen.






