Halberstadts vergessene jüdische Geschichte und die DDR-Widersprüche
Sebastian VoigtHalberstadts vergessene jüdische Geschichte und die DDR-Widersprüche
Halberstadts jüdische Geschichte wurde lange von Zerstörung und politischer Vernachlässigung überschattet. 1938 wurde die Synagoge der Stadt abgerissen – der Beginn der Auslöschung der jüdischen Gemeinde bis 1942. Jahrzehnte später zeigt die Forschung des Historikers Philipp Graf, wie die DDR trotz antifaschistischer Bekenntnisse Versagen im Umgang mit Antisemitismus und Autoritarismus demonstrierte.
Der Abriss der Halberstädter Synagoge 1938 markierte für die Stadt einen Wendepunkt, wie Martin Gabriel, Pfarrer der Liebfrauenkirche, betont. Bis 1942 war die einst blühende neo-orthodoxe jüdische Gemeinde vernichtet. Nach dem Krieg entstand 1949 am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte für die Opfer von Zwangsarbeit.
1969 wurde die Anlage umgestaltet – als Versammlungsort für politische Gelöbnisse, direkt über den Gräbern von Häftlingen errichtet. Gleichzeitig nutzte die DDR die unterirdischen Stollensysteme des Lagers in den 1970er-Jahren als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee.
Doch der Antisemitismus blieb präsent. Als 2018 der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen Gerüchte über einen „Verkauf an die Juden“ auslöste, begann Philipp Graf, die jüdische Vergangenheit der Stadt zu erforschen. In seinem Buch „Verweigerte Erinnerung“ analysiert er, wie die antifaschistische Politik der DDR weder rechten noch linken Autoritarismus wirksam bekämpfte.
Das Verhältnis der DDR zur jüdischen Kultur war widersprüchlich: Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati zog 1952 in die DDR, veröffentlichte in Ost-Berlin drei Schallplatten – doch nach dem Sechstagekrieg 1967 wurde sie aus den Programmen gestrichen. Gleichzeitig erschienen Romane wie „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ von Peter Edel oder „Jakob der Lügner“ von Jurek Becker, die jüdische Lebenswelten im Sozialismus skizzierten.
Grafs Arbeit legt die Widersprüche der DDR im Umgang mit ihrer jüdischen Vergangenheit offen: Zwar entstanden Gedenkstätten und kulturelle Werke, doch systemische Versäumnisse ließen Antisemitismus fortbestehen. Das Erbe der Halberstädter Juden bleibt Mahnmal für Zerstörung und unbewältigte historische Verantwortung.






