Fußball-WM entfacht Deutschlands versteckten Patriotismus – doch warum nur alle vier Jahre?
Julian HartmannFußball-WM entfacht Deutschlands versteckten Patriotismus – doch warum nur alle vier Jahre?
Deutschland hat ein schwieriges Verhältnis zu nationalem Stolz. Viele Bürger zeigen patriotische Symbole nur selten, und öffentliche Feiern wirken oft zurückhaltend. Doch alle vier Jahre entfacht die Fußball-Weltmeisterschaft eine vorübergehende Welle von Flaggen schwenkenden und nationalfarbenen Begeisterungsstürmen.
Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel mied Begriffe wie „Vaterland“ oder „deutsches Volk“ und bevorzugte neutrale Formulierungen wie „die Bevölkerung“ oder „unser Land“. In der Wahlnacht 2013 ließ sie sogar eine deutsche Flagge wegnehmen, die ihr Parteikollege Hermann Gröhe während der Feierlichkeiten geschwenkt hatte.
In den Landeshauptstädten finden zu nationalen Feiertagen oft schlichte Veranstaltungen statt – ein weiterer Ausdruck dieser Zurückhaltung. Eine aktuelle Arte-Dokumentation mit dem Titel Fußballtrikots – Mode oder Patriotismus? deutete an, dass die patriotische Euphorie während der WM 2006 indirekt den Aufstieg von Bewegungen wie Pegida und der AfD begünstigt haben könnte.
Für viele Deutsche sind die Spiele der Nationalmannschaft bei großen Turnieren die einzige Gelegenheit, bei der Fußball ihr Interesse weckt. Der Einzelhandel nutzt diese Phase aus und flutet die Regale mit schwarzem, rotem und goldenem Merchandise. Eine Mutter erinnerte sich, wie ihr jüngster Sohn vor einer WM den Familienwagen mit Deutschlandflaggen dekorierte – ein ungewöhnlich frühes Zeichen von Begeisterung.
Die Weltmeisterschaft verwandelt für kurze Zeit Deutschlands gewohnte Zurückhaltung in sichtbaren Patriotismus. Der Kontrast zwischen dem alltäglichen Understatement und der Turniereuphorie bleibt auffällig. Beobachter diskutieren weiterhin, ob solche Momente nachhaltige Spuren in der nationalen Identität hinterlassen.






