85-Jährige Blockade-Überlebende am Tag des Sieges in Sankt Petersburg festgenommen
Finn Wolf85-Jährige Blockade-Überlebende am Tag des Sieges in Sankt Petersburg festgenommen
Eine 85-jährige Überlebende der Leningrader Blockade ist in Sankt Petersburg am Tag des Sieges während einer Einzelprotestaktion festgenommen worden. Ludmila Wassiljewa stand in der Nähe des Solowezki-Steins, eines Mahnmals, mit einem Plakat, auf dem sie die Regierung kritisierte, bevor die Polizei sie abführte.
Für Wassiljewa war dies nicht die erste Konfrontation mit den Behörden. Die Rentnerin wurde bereits mehrfach wegen ihrer Antikriegsproteste verhaftet, diesmal jedoch ohne Anklage wieder freigelassen.
Am 9. Mai erschien Wassiljewa mit Blumen, einer Kerze und einem handbeschriebenen Schild am Mahnmal. Die Botschaft darauf lautete: „Nutzt den Sieg des Volkes nicht, um eure Verbrechen zu vertuschen.“ Innerhalb weniger Minuten näherten sich Beamte und nahmen sie fest.
Sie wurde zum 43. Polizeirevier gebracht, wo die Behörden eine schriftliche Erklärung für ihr Verhalten forderten. Wassiljewa weigerte sich. Auch ein Journalist, der den Protest dokumentierte, wurde festgenommen und in dasselbe Revier gebracht.
Wassiljewas Engagement beschränkt sich nicht auf diesen Vorfall. Anfang 2024 versuchte sie, bei den Gouverneurswahlen in Sankt Petersburg zu kandidieren, scheiterte jedoch an den Registrierungsauflagen. Ihre zwar friedlichen, aber entschlossenen Proteste führten in den vergangenen zwei Jahren immer wieder zu kurzen Festnahmen.
Trotz ihres hohen Alters bleibt sie eine beharrliche Stimme gegen den Krieg. Seit 2022 wurde sie mindestens fünfmal von den Behörden vorläufig festgenommen, doch bisher blieb sie von offiziellen Strafen verschont. Diesmal ließ die Polizei sie ohne die Einleitung eines Ordnungswidrigkeitsverfahrens wieder frei.
Die Festnahme dauerte nur wenige Stunden, dann wurde Wassiljewa entlassen. Weder gegen sie noch gegen den Journalisten wurden Anklagen erhoben. Beide Vorfälle fügen sich in ein Muster kurzer Festnahmen ein, die sich gegen Personen richten, die in Sankt Petersburg öffentlich protestieren.






